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Geld in anderen Gesellschaften: Traditionelle Zahlungsmittel aus der Sammlung Kuhn – Teil 2

von Ursula Kampmann
mit freundlicher Genehmigung der Sunflower Foundation

2010 konnte das MoneyMuseum in Zürich einen kleinen Teil der Sammlung Kuhn erwerben. Alle Objekte werden derzeit in der Dauerausstellung präsentiert. Um dem Besucher den Zugang zu diesen Stücken zu erleichtern, wurde eine Broschüre erstellt, die wir hier mit Erlaubnis des MoneyMuseum und der Sunflower Foundation zugänglich machen.

Schmuck als Geld – schmückendes Geld
«Manilla», was genau dieses portugiesische Wort bedeutete, darüber sind wir uns heute nicht einig, die Form der Manillen aber legt nahe, dass die Barren ursprünglich Armreifen aus Bronze waren. Die Funktion bei ihrer Entstehung war es, Schmuck zu sein, und tatsächlich gehen viele Formen von traditionellen Zahlungsmitteln auf Gegenstände zurück, die als Schmuck verwendet wurden.

Ost- und Zentralafrika, Venezianische Glasperlen. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum.

Ost- und Zentralafrika, Venezianische Glasperlen. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum.

Ost- und Zentralafrika, Venezianische Glasperlen
Als Henry Morton Stanley im Jahr 1871 seine Expedition ins zentrale Afrika vorbereitete, stand er vor dem Problem, welche Glasperlen er an der Küste kaufen sollte, um die passenden Perlen für Zahlungen im Landesinneren zu haben. Der Forscher Richard Francis Burton hatte 1857 das gleiche Problem: Er beschreibt, wie er aus etwa 400 verschiedenen Perlenarten wählen musste.

Perlen dienten im 19. Jahrhundert in Zentralafrika als eine Art Kleingeld, das vor allem zum Kaufen von Nahrungsmitteln, zum Bezahlen der Träger und als Teil des Tributs an den jeweiligen Stammeshäuptling verwendet wurde. Allerdings stand jeder ausländische Forscher vor der schier unlösbaren Frage, welche Perlen wo als Zahlungsmittel angenommen wurden und welche nicht.

Die Reisenden des 19. Jahrhunderts erklärten sich dieses Phänomen – ganz in Anlehnung an die modischen Capricen westlicher Damen – als Auswirkung eines sich ständig wandelnden Geschmacks. Heutige Forscher sehen das anders.

Im 19. Jahrhundert soll in Zentralafrika durch den Einfluss westlicher und indischer Händler ein ausgefeiltes Zahlungssystem entstanden sein. Die Nachfrage nach ostafrikanischem Elfenbein war stark gestiegen und der Sklavenhandel hatte entscheidend an Bedeutung gewonnen. Die einheimischen Händler hatten gelernt, sich für ihre kostbaren Waren nicht mit wertlosen Zivilisationsgütern zu begnügen. Sie hatten ganz genaue Vorstellungen, was sie eintauschen wollten. Europäische Händler dagegen, die versuchten, sich im Landesinneren günstig mit den begehrten Gütern einzudecken, scheiterten an den für sie undurchschaubaren Gegebenheiten der jeweiligen Marktplätze – was übrigens den lukrativen Zwischenhandel für einheimische Händler reservierte.

Glasperlen sollen als lokale Kleinwährung gedient haben. Jeder Marktplatz hatte dabei seine eigene Glasperlenwährung, und jeder Händler wollte natürlich in der Glasperle bezahlt werden, die er selbst gebrauchen konnte – vielleicht nicht nur auf dem eigenen Marktplatz, sondern auch auf dem, auf dem er seine saisonal variierenden Waren zu kaufen pflegte. Das System konnte nur einer verstehen, der regelmässig in kurzen Abständen einen bestimmten Marktplatz besuchte. Der Landesfremde hatte keine Chance!

Wie auch immer, die berühmte Glasproduktion von Venedig verdankte ihr Überleben dem afrikanischen Markt. Während nämlich im 19. Jahrhundert die Glasherstellung fast völlig zusammenbrach, blieb die Produktion von Glasperlen gleich und stieg wegen der erhöhten Nachfrage nach ostafrikanischen Gütern sogar noch. 1874 wurden Glasperlen im Wert von fast 4 Millionen italienischer Lire ausgeliefert – damals ein enormer Betrag. Nach Indien, das gegenüber der ostafrikanischen Küste liegt, ging der grösste Teil im Wert von 1'860'000 Lire, England importierte Glasperlen zu 1'470'000 Lire und Ostafrika mit Sansibar kaufte gläserne Ware im Wert von immerhin noch 650'000 Lire.

Afrika, Turmringe. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Afrika, Turmringe. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Afrika, Turmringe
Als im Jahre 1980 ein Abenteurer in den nigerianischen Süden reiste, kaufte sein Führer auf dem Markt von Kano einige besonders schöne Turmringe. Diese heute noch gerne getragene Schmuckform diente jahrhundertelang als Tauschmittel und ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich der westliche Markt auf die Bedürfnisse seiner afrikanischen Handelspartner einstellte.

Turmringe haben eine sehr charakteristische Form. Sie bestehen aus einem Ring mit einer längeren oder kürzeren Spitze. Sie werden heute mit der Spitze nach unten an einem Band um den Hals getragen. Die Urform dieser Ringe dürfte wohl einheimischen Ursprungs gewesen sein, doch bald imitierten indische Händler diese als Tauschobjekte begehrten Schmuckstücke. Sehr beliebt waren Turmringe aus rotem Achat, die in der indischen Hafenstadt Khambhat ausschliesslich für den Export hergestellt wurden. Im 19. Jahrhundert verdrängte das deutsche Idar-Oberstein Khambat als Lieferant der Turmringe.

Als die lokalen Steinbrüche erschöpft waren, gelang es, neue Bezugs-möglichkeiten in Brasilien aufzutun. Das steinerne Rohmaterial wurde aus Brasilien nach Deutschland verschifft, in Idar-Oberstein zu Schmuck geschliffen und zum grossen Teil nach Afrika geliefert. Die Aufträge kamen hauptsächlich von Kaufleuten aus Paris und Birmingham, die diese Ware nach Dakar bzw. Kairo verschifften, um sie dort gegen die gesuchten Exportgüter einzutauschen. Der Binnenhandel mit Turmringen blieb dabei völlig in den Händen afrikanischer Zwischenhändler.

Natürlich ersetzten findige Händler später den teuren, schwer zu bearbeitenden Achat gerne durch andere, billigere Materialien: durch eine Art Porzellan, durch Glas und letztlich Plastik.

Was so ein Turmring wert war? Schwer zu sagen. 1936 schrieb A. J. Arkell, man habe früher für einen Turmring ein Kamel oder eine Sklavin tauschen können. Doch schon zu seiner Zeit wurde ein Turmring im Sudan nur noch mit einem englischen Pfund berechnet. 1980 zahlte der erwähnte Karawanenführer 5 Naira pro Stück, damals ca. 8 Franken.

Wie auch immer: Stein aus Brasilien, bearbeitet in Deutschland, geliefert von französischen oder britischen Händlern nach Afrika! Die Globalisierung setzte schon lang vor dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ein.

Papua-Neuguinea, Moka-Kina. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea, Moka-Kina. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea, Moka-Kina
Moka-Kina ist eine Form von Muschelgeld, das aus Melanesien stammt, einer Gruppe von Südseeinseln nördlich von Australien. In dieser Gegend der Welt lebten auf vielen kleineren und grösseren Inseln Gemeinschaften, in denen der Einzelne durch seine Leistung einen höheren sozialen Status erwerben konnte. Wichtiger Massstab für den Rang innerhalb einer lokalen Hierarchie war der Besitz von traditionellen Zahlungsmitteln, besser gesagt, die Fähigkeit, diese zu verschenken oder einzutauschen. Denn für das sogenannte «Primitivgeld» gilt: Nicht die gehorteten Schätze sind das Statussymbol, sondern die Schätze, die man an andere verschenkt hat. Dies ist übrigens eine Einstellung, die die Bewohner von Melanesien mit der Oberschicht des römischen Imperiums teilen.

Das wohl wichtigste Statusobjekt im Hochland von Neuguinea, das bei Gelegenheit auch als Zahlungsmittel Verwendung finden konnte, war die Kina, die sogar der heutigen Landeswährung ihren Namen gab. Sie bestand aus einer halbmondförmig geschliffenen Perlmuschel, die an einem Band um den Hals getragen wurde. Vor der Erforschung des Hochlands von Papua-Neuguinea in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war ein Mann, der nur eine einzige dieser Muscheln besass, schon reich zu nennen. Eingefügt in eine mit Rötel gefärbte Harzplatte waren diese Muscheln ein Wertobjekt, das eine wichtige Rolle beim Brautpreis und beim rituellen Geschenkaustausch spielte.

Brautpreis
Wie barbarisch, sich eine Frau zu kaufen! Das möchte man meinen, wenn man das erste Mal das Wort «Brautpreis» hört. Und doch macht es Sinn, wenn man sich überlegt, auf welchem sozialen Hintergrund dieses Ritual Anwendung findet.

Zunächst müssen wir unsere Vorstellung von der Kleinfamilie ad acta legen. Sie ist keineswegs selbstverständlich, genauso wenig wie die Idee, dass Menschen als Individuum allein leben können. In vielen Gesellschaften steht die Sippe oder die Grossfamilie im Mittelpunkt. Und diese Gemeinschaft verliert mit der Heirat einer Frau ein Mitglied, das sie jahrelang ernährt, grossgezogen und ausgebildet hat. Nun, da es den Höhepunkt seiner Produktivität erreicht hätte, steht es dem Familienverbund nicht mehr als Arbeitskraft zur Verfügung. Liegt es in so einem Fall nicht nahe, eine Gemeinschaft dafür zu entschädigen, dass sie in die Frau investiert hat, die nun einer anderen Gemeinschaft zugeführt wird?

Wie unzureichend unser Wort «Preis» in diesem Zusammenhang ist, zeigt die Tatsache, dass es im Interesse aller Beteiligten lag, den «Preis» möglichst hoch anzusetzen. An ihm zeigte sich nämlich der soziale Status der Familie, in die eine Braut einheiratete. Thomas Lautz schildert in seiner Broschüre «Federgeld und Muschelketten» die Zahlung eines Brautpreises folgendermassen: «Wenn in Malaita, einer anderen Insel der Salomonen, ein Brautgeld zu bezahlen ist, zieht der Vater des Bräutigams durch das Dorf zum Hause der Eltern seiner zukünftigen Schwiegertochter und hängt unter den anerkennenden Rufen der gesamten Dorfbevölkerung die vorher vereinbarte Anzahl von Muschelgeldschnüren an Pfählen vor das Haus. Als freiwillige und viel beachtete Mehrzahlung werden dann noch weitere Geldketten für die Brautmutter und für an der Erziehung der Braut besonders beteilige Verwandte aufgehängt. Wer noch mehr Ansehen gewinnen will, hängt als letzte Kette eine von doppelter Länge dazu – ein Luxus, den sich nur ‹big men›, einflussreiche und mächtige Männer, leisten können.»

Sinnloses Geld?
Ein grosser Teil der traditionellen Geldformen erscheint uns heute unglaublich dekorativ und ziemlich unsinnig. Was soll man mit einer Kanone machen, mit der man nicht mehr schiessen kann? Was macht man mit einer Rolle aus Federn, einem gebogenen Eberzahn, einer Kette aus Käferbeinen? All diese Objekte scheinen sich wenig dafür zu eignen, auf dem Markt täglich Lebensmittel einzukaufen.

Und tatsächlich gehören diese Objekte in einen anderen Zusammenhang. Es handelt sich um Statussymbole ohne praktische Funktion, die in wichtigen zwischenmenschlichen Transaktionen als «Zahlungsmittel» eingesetzt wurden. Mit ihnen wurde der Brautpreis beglichen, aber auch Sühne für Diebstahl, Totschlag oder Ehebruch geleistet. Eine andere rituelle Zahlung war mit der Begräbnisfeier verbunden. Die Verwandten unter den Trauergästen halfen den Betroffenen, die enorm hohen Kosten zu tragen, indem sie traditionelle Zahlungsmittel beisteuerten. Auch hier war die Grösse der übergebenen «Summe» ausschlaggebend für das Prestige des Gebers.

Natürlich konnten all diese Objekte auch für den regulären Handel eingesetzt werden. Wobei sich hier der Preis nicht nur nach Angebot und Nachfrage richtete, sondern auch danach wer von wem kaufte.

Santa-Cruz-Inseln, Federgeld. Ex Slg. Lautz. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Santa-Cruz-Inseln, Federgeld. Ex Slg. Lautz. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Santa-Cruz-Inseln, Federgeld
Besonders spektakulär ist das Federgeld der melanesischen Bevölkerung der Santa-Cruz-Inseln. Es handelt sich um einen meterlangen Wulst aus Rindenbast, dachziegelartig besetzt mit Schuppen aus verklebten Taubenfedern, deren vordere Kanten mit Zehntausenden von Federchen des roten Nektarvogels beklebt sind. Unzählige Stunden mussten für die Herstellung solch eines Federgeldes verwendet werden. Es war ein hochrangiges Prestigeobjekt, das auch für grössere Anschaffungen in Zahlung gegeben werden konnte. So erwarb man damit Schildkröten, Kanus oder Schweine.

Eine besonders wichtige Rolle spielte Federgeld noch bis etwa 1980 bei der Zahlung des Brautpreises, der zum grössten Teil in dieser Währung gezahlt wurde. Wie verheerend für den sozialen Zusammenhalt die Verdrängung traditioneller Zahlungsmittel durch Bargeld ist, lässt sich an diesem Beispiel gut nachzuvollziehen.

Die Zahl der Federgeldrollen blieb auf Santa Cruz über Jahrzehnte hinweg relativ stabil: Einige gingen verloren oder wurden durch Insekten zerstört, andere neu produziert. Auf jeden Fall war immer genug Federgeld vorhanden, wenn ein junger Mann heiraten wollte. Besass er es selbst nicht, lieh er es sich von seiner Verwandtschaft. Die Eltern der Braut nutzten das so erhaltene Federgeld ihrerseits, um einen Sohn zu verheiraten oder männlichen Verwandten einen Federgeldkredit zu gewähren. So verband das Federgeld die Bevölkerung der gesamten Insel. Jede Familie bestand aus Kreditgebern und Kreditnehmern.

Etwa um 1980 wurde das Federgeld abgeschafft, sein Gebrauch verboten. Was nicht als Sammlungsobjekt verkauft werden konnte, verrottete als wertlos am Strand. Heute muss ein heiratswilliger Mann den Brautpreis in bar aufbringen. 1990 betrug er etwa 800 Franken. So eine Summe ist schwer aufzutreiben auf einer Insel, auf der es kaum bezahlte Arbeit gibt! Und das Geld fliesst nicht mehr in einen geschlossenen Kreislauf, sondern wird von den Eltern der Braut gerne für ausländische Luxusartikel ausgegeben. Damit steht wiederum deren Sohn vor dem Problem, wie er das Geld für eine Heirat auftreiben soll.

Es ist ein Teufelskreis, der Menschen, die vorher über ihr Geld verbunden waren, zu Opfern des modernen Geldwesens macht.

Papua-Neuguinea, Talipun. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea, Talipun. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea, Talipun
Auch das bearbeitete und aufwendig verzierte Gehäuse der Grünschnecke (Turbo marmoratus) diente im Inneren Neuguineas als Zahlungsmittel, das vor allem bei rituellen Zahlungen Anwendung fand.

Die Schneckengehäuse kamen von der Nordküste Neuguineas, wo das Fleisch der Meerestiere ein begehrtes Nahrungsmittel war. Die leeren Schneckenhäuser wurden an die Yangoru-Boiken, die weiter im Inland lebten, verhandelt, wo man sie bearbeitete und an ihnen ein Geflecht aus Rotang befestigte. Dieses Geflecht zeigt bei unserem Stück eine spektakuläre Maske, die dem eigentlichen Zahlungsmittel, dem Schneckenhaus, fast die Aufmerksamkeit raubt. Erst nach dieser Bearbeitung konnten die Talipun als Zahlungsmittel umlaufen.

Papua-Neuguinea / Vanuatu, gebogener Eberzahn. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea / Vanuatu, gebogener Eberzahn. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Papua-Neuguinea / Vanuatu, gebogener Eberzahn
Der wahre Reichtum einer Familie in Melanesien sind ihre Schweine. Das Ansehen eines Clans bemisst sich noch heute – völlig unabhängig von Bankkonto und westlichen Statussymbolen – an der Schweineherde und der Zahl der Schweine, die sich eine Familie bei einem grossen Fest zu schlachten erlauben kann.

Kein Wunder also, dass sich auch die Hauer der Eber zu Wertobjekten entwickelten. Besonders geschätzt wurden die rund gebogenen Hauer, wie sie in der freien Natur praktisch nicht vorkommen. Sie wachsen nur, wenn ein Eber seine oberen Hauer verloren hat. Um nun solche wertvollen Eberzahnringe zu erhalten, brach man dem männlichen Schwein die oberen Hauer aus. Das bedeutete, dass das Tier jahrelang gefüttert werden musste, eine teure und arbeitsaufwendige Prozedur, um einen kreisförmigen Eberzahn zu erhalten. Diese Wertgegenstände sind heute noch auf Papua-Neuguinea und Vanuatu hoch geschätzt. Ein Zahn mit angeblich drei Umdrehungen soll in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Queen Elisabeth anlässlich ihres Besuchs als Staatsgeschenk übergeben worden sein.

Fahne von Vanuatu. Quelle: Wikipedia.

Fahne von Vanuatu. Quelle: Wikipedia.

Wie wichtig die Eberzahnringe für das Selbstverständnis der lokalen Bevölkerung sind, kann der Tatsache entnommen werden, dass Wappen und Staatsflagge von Vanuatu einen gebogenen Eberzahn zeigen.

Indonesien, Mokko. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Indonesien, Mokko. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Indonesien, Mokko
Man erzählt auf der Insel Alor, dass man vor langer Zeit sanduhrförmige Kesselgongs gefunden habe, die sich schnell zu wertvollen Prestigeobjekten entwickelten. Damit will die moderne Forschung die Mokkos in Verbindung bringen, die vor allem im Brautpreis ihre Verwendung fanden. Entscheidend für den Wert eines Mokkos waren seine Geschichte und sein Alter. Grösse, die darauf verwendete Kunstfertigkeit und Erhaltung galten dagegen als völlig unerheblich. Wir haben aus der Zeit der Monetarisierung der Insel Alor in den Jahren 1913 bis 1915 Angaben darüber, welchen Gegenwert in holländischen Gulden man für diese Mokkos anbot. Der Preisunterschied war dabei enorm. Konnte man einen neuen Mokko für einen bis 50 Gulden tauschen, wurden für geschichtsträchtige Stücke bis zu 3000 Gulden gezahlt.

Mokkos wurden eingesetzt, um einen Brautpreis zu zahlen, den Bau eines Familienhauses oder ein Totenfest zu finanzieren. Meist besass eine Familie nicht genügend Mokkos und lieh sich zu diesem Zweck die grossen Metallobjekte von ihren Verwandten und Freunden. Dafür wurde sogar eine Art Zins gezahlt: Die Schuldner sahen sich veranlasst, höherwertige Mokkos als die geliehenen zurückzuerstatten. Zu diesem Zweck wurden in regelmässigen Abständen Abrechnungsfeste gefeiert. Nur in diesem Zusammenhang wurden Mokkos als Musikinstrumente benutzt.

Borneo, Kanonengeld. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Borneo, Kanonengeld. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Borneo, Kanonengeld
Modelle von bronzenen Kanonen wurden in Indonesien als Prestigeobjekt und Zahlungsmittel für den Brautpreis benutzt. Anscheinend war dabei lediglich das Gewicht der Kanone entscheidend, nicht dass sie etwa noch in der Lage gewesen wäre zu schiessen. Der Brautpreis wird von Forschungsreisenden je nach sozialem Status der Braut zwischen 3 und 5 Pikul (1 Pikul = 60 kg in Bronze) angegeben, sodass es durchaus sinnvoll sein konnte, über eine schwere Kanone zu verfügen.

Insel Sumba, Mamuli. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Insel Sumba, Mamuli. Ex Slg. Kuhn. Foto: MoneyMuseum Zürich.

Insel Sumba, Mamuli
Mamuli sind nichts anderes als rituelle Vertreter eines oder mehrerer Pferde. Ursprünglich bestanden sie aus dem Gold der Münzen, die ein Bewohner der Insel Sumba erhielt, wenn er Pferde an die Holländer verkaufte. Da er mit Münzen nichts anzufangen wusste, liess er sie von einem Goldschmied in Mamuli und geflochtene Ketten umarbeiten.

Mamuli spielten eine herausragende Rolle im Brautpreis, der auf der Insel Sumba gezahlt wurde. Diese Zeremonie ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eng dieser Austausch von Geschenken zwei Sippen miteinander verband. Die Geschenke wurden dabei von beiden Seiten gegeben. Während die Familie des Bräutigams hauptsächlich Pferde, Büffel und eben solche Mamuli gab, schenkte die Familie der Braut Sarongs, Tücher und Schweine.

Heute ergänzen Münzen und Geldscheine den Brautpreis. Mamuli werden aber immer noch übergeben, heute aus Silber oder unedlem Material, was den rituellen Zweck genauso erfüllt.

Und in Europa?
Alles gar nicht zu vergleichen, möchten wir meinen, und vergessen dabei, dass noch vor ein paar hundert Jahren ganz ähnliche Verhältnisse in Europa existierten.

Bis weit in die frühe Neuzeit hinein wurden Familien, Freundeskreise, Vorgesetzter und Untergebener durch ein engmaschiges Netz an Geschenken zusammengehalten, das auch in kommerziellen Verbindungen wesentlich wichtiger war als das nur in unzureichendem Masse vorhandene Bargeld.

Und noch bis ins 20. Jahrhundert hinein spielten Aussteuer, Mitgift und Morgengabe eine entscheidende Rolle bei der Eheschliessung. Erst die Zerschlagung der alten sozialen Ordnung durch die Industrialisierung hat uns diese Bräuche vergessen lassen.

Weiterführende Literatur
Kuhn, Günter; Rabus, Bernhard: «Geld ist, was gilt. Primärgeld: Vormünzliche Zahlungsmittel aus aller Welt», Staatliche Münzsammlung München 2009

Zum Teil 1 geht es hier.

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