Ehrung für Fritz Rudolf Künker

18. Juni 2015 – Als „einen der verdienstvollsten numismatischen ,Netzwerker‘ Europas ehrte die Sächsische Numismatische Gesellschaft Fritz Rudolf Künker während des 23. Mitteldeutschen Münzsammlertreffens vom 12. bis 14. Juni 2015 in Pirna. Wir veröffentlichen im Folgenden die vollständige Laudatio, gehalten von Dr. Wolfgang Steguweit:

Seit der sprichwörtlich reiche Lyderkönig Krösos angeblich vor etwa 2700 Jahren die Münze und damit das Geld erfand, ist es aus dem Leben der Menschen mit unterschiedlich intensiven Zirkulationsphasen nicht mehr wegzudenken. Das Geld wurde als äquivalentes Tauschmittel für Waren und Dienstleistungen aller Art zur Ware selbst, trieb und treibt sich auf Grund seiner haptischen Geschmeidigkeit, der leichten Teilbarkeit und edelmetallischen Begehrlichkeit unaufhörlich in der Welt herum.
Wer gültige Münzen begehrt – ich nehme die Münze als Synonym für Geld – kann sie relativ leicht aus dem Umlauf herausfiltern. Man prüft das Wechselgeld im Supermarkt auf neue oder fehlende Eurosorten und bringt von fernen Reisen fremde Münzen mit. Unberührte, unzirkulierte Münzen sind also eigentlich ein Widerspruch in sich. Sie sind erst durch ausgeklügelte Erhaltungsrituale des einschlägigen Handels zum Maßstab erhoben und zur Begehrlichkeit geworden.

Was aber passierte und passiert mit außer Kurs gesetzten alten Münzen? In Zeiten des Realwertprinzips wurden sie nicht selten eingeschmolzen und sekundär verwertet.
Johann Peter Ludewig, ein Pionier der Mittelalternumismatik um 1700, beschwor in seiner 1709 in Halle erschienenen „Einleitung zum teutschen Müntzwesen mittlerer Zeiten“ eindringlich die Besitzer oder Auffinder alter Münzen, sie ihm doch anzuvertrauen und nicht den Goldschmieden, die sie eh nur einschmelzen: „Indem ich hiermit iedermann auf das theureste versichere daß ich nicht allein keinen Ausfünder / Schatzgräber oder Verkäuffer verrathen sondern auch allezeit dreyfach mehr Bezahlung dafür als jene leisten will.“

Es entstanden seit der Renaissance und zunehmend seit dem Barock spezielle Warenlager und Handelshäuser für alte und neuere Münzen. Unter einem Warenlager verstehe ich zunächst die großen und kleinen Münzkabinette und Sammlungen in öffentlicher Hand. Wer als Münze den Weg dorthin gefunden hat, befindet sich im ungünstigen Falle in einer Art Grabkammer auf dem Friedhof der Numismatik, im günstigen Falle in einem Sanctuarium, einer Art Heiligtum. Wache Kustoden sind die Gralshüter der großen und kleinen Münzkabinette, versuchen die Schatzkammern zu vergrößern und die Schätze sichtbar zu machen. Vor einer Woche erst hat dies das Münzkabinett Dresden eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
Temporäre Schatzkammern, also private Sammlungen unterliegen einer ständigen Fluktuation, überdauern zumeist gerade mal eine Generation. Die privat aufbewahrten und gesammelten Münzen erinnern sich dann ihrer eigentlichen Funktion. Sie wollen sich wieder herumtreiben in der Welt des Sammelns und des Handels und setzen sich nicht selten den Gefahren und Unbilden des Marktes aus, werden irgendwohin und an irgendwen verhökert, werden eingeschmolzen oder zieren wenigstens in Form von gerollten oder gehenkelten Münzen Mahlschätze und andere Schmuckformen, mitunter werden sie sogar brutal geraubt.

Es bedarf also eines klug gespannten Netzwerks, um die Münzen, Medaillen und anderen Formen des kulturell-numismatischen Gedächtnisses einerseits für Gegenwart und Zukunft zu bewahren, der Wissenschaft medial zu vermitteln, um so den „Highlights“ den Weg in eine numismatische Walhalla – sprich Münzkabinett – zu ebnen. Andererseits ist eine verantwortungsbewusste Distribution zu organisieren, damit Sammler den Kreislauf der Münzen und damit die Numismatik mit all ihren Potentialen „am Leben halten“.
Im positiven Sinne sind Münzhändler Partner der Wissenschaft wie der öffentlichen Münzkabinette und Museen und der privaten Sammler.
Seit dem 19. Jahrhundert kennt der deutsche und internationale Münzhandel klangvolle Namen, die aufzuzählen, ein eigenes Thema wäre. Numismatische Forschungsstellen bewahren mit geziemendem Respekt die Standardkataloge der Auktionshäuser als zitierfähige Ergänzungen zu den eigenen Sammlungen und Bibliotheken auf.

Einen der verdienstvollsten numismatischen „Netzwerker“ Europas ehrt die Sächsische Numismatische Gesellschaft heute aus besonderem Grund: Fritz Rudolf Künker, Seniorchef des namhaften Auktionshauses in Osnabrück, ist Mäzen und Förderer nicht nur – aber auch und besonders – der sächsischen Numismatik.
„Wer einmal die Faszination verstanden hat, die von geprägtem Gold und Silber ausgeht, der begreift, dass man nur dann Erfolg im Münzhandel haben kann, wenn man mit Leib und Seele dabei ist, heißt es in einer Würdigung für den heute Geehrten, und das mit Leib und Seele seit 40 Jahren.“
Mit Erfolg ist das im günstigsten Sinne wie mit Tauben. Man sagt, wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Vom einstigen numismatischen „Einmannbetrieb“ des von Münzen begeisterten jungen Fritz Rudolf Künker wuchs seine Firma. Heute, nach vier Jahrzehnten Münzhandel sowie mit sage und schreibe 264 Auktionen – geförderte und verlegte wissenschaftliche Publikationen nicht gerechnet – arbeiten in Osnabrück, München, Berlin, Hamburg, Moskau, Znojmo und Zürich über 40 Mitarbeiter für das Markenzeichen K wie Künker!

Am 21. Juni 2011 wurde in der Auktion 189 die bedeutende Sachsensammlung des im Jahre 1924 in der Nähe von Chemnitz geborenen Sachsensammlers Gerhart Rother versteigert. Es ist Fritz Rudolf Künker im Zusammenwirken mit dem verdienstvollen, langjährigen Direktor des Dresdener Münzkabinetts, Paul Arnold, und dem verstorbenen Sammler zu danken, dass aus dem Erlös der Auktion Münzkabinette und numismatische Publikationen gefördert und finanziert werden können.
Ich möchte einige Beispiele mäzenatischen Netzwerkwirkens für sächsische Sammlungen nennen und beginne mit dem Münzkabinett Dresden, über das mich sein Direktor, Rainer Grund, informierte. Ich zitiere:
„Herrn Künker als treuhänderischem Verwalter der Stiftung Gerhart und Marianne Rother (Osnabrück) hat das Münzkabinett Dresden viel zu verdanken. Es sind in den Jahren 2012 und 2014 erhebliche Geldbeträge zur Erwerbung von Konvoluten aus der Universalmünzsammlung Horn geflossen. Ebenso hat uns Herr Künker über Jahre mehrere Geldspenden zum Ankauf anderer, sehr attraktiver, seltener und künstlerisch herausragender Sammlungsobjekte zur Verfügung gestellt. Außerdem ist 2013 dem Museum von der Firma Künker der Münzfund von Kötzschenbroda geschenkt worden.“

Einen Paukenschlag brachte die Versteigerung der Sammlung des 1945 verstorbenen Meißener Kaufmanns Ernst Otto Horn mit den Auktionen 255, 258 und 263, an denen das Münzkabinett in Dresden partizipierte. Es ist mit 10.500 Münzen und Medaillen gar der Kernbestand der großartigen Sammlung Horn von ca. 45.000 Münzen und Medaillen. An der Erwerbung beteiligte sich dankenswerterweise auch der Freistaat Sachsen. Ich darf die Bedeutung der Sammlung Horn, die im vergangenen Herbst auch mit einer Sonderausstellung im Dresdener Residenzschloss gewürdigt worden ist, in diesem Kreise als bekannt voraussetzen, verweise nur auf die Dresdener Kunstblätter 4/2014 unter dem Titel „Kunst-Werte“ mit Beiträgen von Rainer Grund und dem Meißner Stiftungskurator Tom Lauerwald.
Für das Münzkabinett Halle informierte mich dessen Leiter Ulf Dräger über eine zweckgebundene Spende in Höhe von über 30.000 Euro für den Erwerb von historisch bedeutenden Münzen. Hintergrund war die Versteigerung des zweiten Teils der Sammlung Friedrich Popken (Auktion 237). Mit mehreren Teilen der Sammlung Popken kam 2013 ein überaus bedeutender Bestand von neuzeitlichen Geprägen des Niedersächsischen Reichskreises, insbesondere von magdeburgischen Geprägen auf den Kunstmarkt. „Die Auktion bot die seltene Chance“, so Ulf Dräger, „elf bedeutende Zeugnisse der sachsen-anhaltischen Münzgeschichte zu erwerben. Sammlungsverluste, die durch die Plünderungen oder durch die Beschlagnahme für Reparationen im Jahre 1945 eingetreten sind, konnten durch Ersatzerwerbungen wieder ausgeglichen werden.“

Meine Damen und Herren, Dr. Rudolf Reimann, Präsident Ihrer Sächsischen Numismatischen Gesellschaft, hat mir vermutlich die Laudatio angetragen, weil ich zum Thema sächsische Numismatik und Künker auch etwas beisteuern kann. In der Tat: Es war im Jahre 2001: Ich saß in meinem Dienstzimmer im Münzkabinett im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel und studierte den jüngst eingetroffenen Katalog 63 zur Auktion am 14. März des Jahres. Künker-Kataloge waren nicht nur eine Augenweide, sondern immer für wichtige Entdeckungen gut, ihr Studium geradezu ein Muss. Ich traute meinen Augen nicht, die Alarmglocken schrillten. Ich entdeckte sechs Goldmünzen, die die herzoglich Sachsen-Coburg und Gothaische Familie 1945 von Gotha nach Coburg unter dem Schutz der Amerikaner transferiert hatte und die vermutlich bald darauf von Coburg aus mit anderen Preziosen den Weg in verschiedene „Schatzkammern“ privater, betuchter Sammler nahmen und sogar mehrfach wanderten.

Goldabschlag vom Gothaer Wanderertaler von 1673. Foto: W. Steguweit.Goldabschlag vom Gothaer Wanderertaler von 1673. Foto: W. Steguweit.

Goldabschlag vom Gothaer Wanderertaler von 1673. Foto: W. Steguweit.

Darunter ein für Gotha besonders wichtiger, unikater Goldabschlag eines Talers zu zehn Dukaten, der auf die Eingliederung des ausgestorbenen Herzogtums Sachsen-Altenburg in das Herzogtum Sachsen-Gotha im Jahre 1673 geprägt worden war. In der 1987 erschienenen Monografie zur Geschichte der Münzstätte Gotha gehört es zur Katalognummer 30. Auf der Vorderseite wird ein fürstlicher Wanderer an einer himmlischen Leine durch ein beschwerliches Wegstück in einen paradiesischen Garten geführt. „Duc me sequar“, „Führe mich, ich folge“, heißt es auf dem Votivband. 1981 war die Preziose von der Galerie des Monnaies Düsseldorf versteigert worden. Bemühungen zur Rettung waren damals von Gotha aus vergeblich.
Im Jahre 2001 standen die Zeichen günstiger. Die Kulturstiftung der Länder mit der damaligen Generalsekretärin Frau von Welck und Ihrem Stellvertreter Herrn Däberitz organisierten einen Ortstermin in Berlin. Mit Herrn Künker war schnell eine harmonische, einvernehmliche Lösung gefunden. Die Stücke wurden aus der Auktion genommen und von der Kulturstiftung zu einem symbolischen Preis für Gotha erworben. Die Stiftungspublikation „Patrimonia“, Nr. 207 hält den ersten Streich fest.
Der zweite Streich folgte sechs Jahre später: In diskreter Mission reiste ich seit 2007 im Auftrage der Kulturstiftung der Länder und des Schlossmuseums Gotha mehrfach nach Coburg, weil das Herzogshaus nunmehr ca. 15.000 Gothaer Münzen und Medaillen zur Rückerwerbung für Gotha 60 Jahre nach Kriegsende anbot. Die deutsche Einheit hat es möglich gemacht! Einmal halfen mir die Numismatikerkollegen Dr. Ursula Kampmann / Lörrach und Dr. Frank Berger / Frankfurt a. Main bei der Wertermittlung. Weder die Kulturstiftung, noch das Land Thüringen, noch die Stadt Gotha konnten oder wollten die noch so symbolisch geartete Summe stemmen. Wie also die Kuh vom Eis kriegen? Dr. Martin Hoernes, mittlerweile Stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung, erwog als taktischen Lösungsversuch eine Teilfinanzierung durch private Spender, die dann die staatlichen Geldgeber „ermuntern“ würden und erbat meinen Rat und meine Sekundanz.

Wen sollte ich fragen? Bei solchen und anderen Anlässen erinnere ich mich meiner Dresdener Studienzeit und des gelegentlichen Auftritts als Statist in Shakespeares Richard III. im Dresdener Großen Schauspielhaus, just auf der Bühne, wo vor einer Woche die Festredner zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung des Münzkabinetts standen. Richard III. rief seinen Mannen vor einer Entscheidungsschlacht gegen Heinrich Tudor im Jahre 1485 zu: „Gedenkt, mit wem ihrs habt zu tun und seid nicht klein in großen Plänen.“ Ich stand verschwitzt im Kettenpanzer als einer von Richards Offizieren auf der Bühne und durfte sogar als Erster die Schlacht mit dem Ruf eröffnen: „Drauf, dran!“
Nomen est omen. Künker künnt es! – so dachte ich ein halbes Jahrhundert später! Und so kam es. Zusammen mit dem schon genannten Sammler Friedrich Popken wurde eine Spende von zweimal 50.000 Euro in den Ring geworfen und die Ernte 2011 für Gotha eingefahren.

Meine Damen und Herren, lieber Fritz Rudolf Künker,
im Jahre 1828 diktierte Johann Wolfgang von Goethe seinem Sekretär Eckermann in die Feder: „Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde. … Vor allem sei es eins in Liebe untereinander, und immer sei es eins, dass der Taler und Groschen im ganzen Reiche gleichen Wert habe …“
In Abwandlung dieses frommen Spruchs schließe ich: Mir ist nicht bange, dass die Faszination für unsere geliebten Münzen und Medaillen erlischt, so lange es Freunde und Partner an der Seite der Numismatik und der Numismatiker gibt wie Fritz Rudolf Künker!

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